Offener Brief an die AOK


Ich möchte das Schreiben von Dr. Heinemeyer an den Bundesvorstand der AOK kommentieren. Die Argumentation dient meiner Meinung aber als Begründung dafür, dass Patienten Ihren Ärzten öffentliche Rückmeldung geradezu geben MÜSSEN.

Schlimm genug, dass es die beschriebenen Konflikte gibt (wobei oft auch der Ton die Musik macht).
Es ist natürlich zu vermuten, dass es genügend Kollegen von Herrn Dr. med. Heinemeyer gibt, die sich auch um den zweiten und dritten Fall im Sinne der Patienten kümmern.

Es geht aber gar nicht um eine kollektive Diffamierung der Ärzteschaft, daher kann ein Bewertungsportal auch kaum einen „Flurschaden“ für das gesamte Gesundheitswesen anrichten. Im Umkehrschluss sollte aber auch die Ärzteschaft oder Ihre Interessensvertreter kein Interesse an der kollektiven Verschleierung individuellen Fehlverhaltens haben.

Eine geschütze Atmosphäre ist für viele Patienten eine wichtige Voraussetzung, um ehrliches Feedback zu geben (weil leider einige Ärzten mit Kritik nicht umgehen können). Und dieses ehrliche – weil anonyme – Feedback ist vielen Ärzten auch wichtig, die ein ernsthaftes Interesse an der Meinung ihrer Patienten und die ein umfassendes Qualitätsverständnis haben.

Es geht letztlich um ein besseres Verständnis auf beiden Seiten!

Offener Brief an die AOK
Dr. Dietrich Heinemeyer
Am Altenberg 3
97334 Nordheim

Herrn
Jürgen Graalmann – persönlich
Stellv. Bundesvorsitzender der AOK
Per E-mail

Sehr geehrter Herr Graalmann,

anlässlich der Talkshow bei Frau Maybrit Illner schreibe ich Ihnen meine Bedenken gegen ein solches Internetportal, in dem Patienten ihre Meinung über die sie behandelnden Ärzte kundtun können.

In allen Gesprächen und Verlautbarungen zu diesem Thema wird immer wieder vom Vertrauen der Patienten gesprochen, das diese zu ihren Ärzten haben müssen. Eine wirkliche Vertrauensbasis kann sich verständlicherweise nur über einen längeren Zeitraum entwickeln.
Nun gibt es aber zwischen Menschen, also auch zwischen Arzt und Patient, keine einseitige Vertrauensbasis. Keine vertrauensvolle, von gegenseitigem Respekt geprägte Beziehung ist einseitig. Auch wir Ärzte müssen unseren Patienten Vertrauen schenken können. Auch wir Ärzte müssen uns auf unsere Patienten zu ihrem eigenen Wohl verlassen können! Über das Vertrauen der Patienten wird viel gesprochen und ist wahrscheinlich schon alles gesagt. Niemand jedoch spricht über das Vertrauen des Arztes zum Patienten.
Gegen unrechtmäßige Anschuldigungen und Verunglimpfungen könnten wir uns überhaupt nicht wehren, weil dann das Arztgeheimnis verletzt werden würde. Ohne konkrete Details aus den anvertrauten, geheimen Befunden und Gesprächen wäre sowieso keine Gegenwehr möglich. Hier wird das ärztliche Handeln in seinem sensibelsten Bereich angegriffen und dann kaputt gemacht. Es geht mir nicht um den einzelnen Arzt, sondern um den Flurschaden, den Sie für die gesamte Ärzteschaft anrichten und den die Patienten ausbaden müssen. Das freie, offene, ehrliche, wahrhaftige Gespräch, das oft auch mal unbequem sein muss zum Wohle des Patienten, steht in Gefahr! Wollen Sie das Ihren Versicherten wirklich antun?
Durch ein solches Portal wird dieses gegenseitige Vertrauen massiv zerstört und bedroht!

Ich möchte Ihnen mal einige konkrete Vorkommnisse darstellen.

1. Eine Patientin kommt zur Gesundheitsvorsorgeuntersuchung. Sie ist sehr adipös. Alles an ihr ist „kugelig rund“. Meine Bemerkung: „Frau XY, es wäre sicherlich für Sie von gesundheitlichem Vorteil, wenn Sie etwas Gewicht abnehmen würden,“ führte zum sofortigen Arztwechsel! Wenn diese Dame sich nun beschweren würde, dann sicherlich nicht unter Angabe meiner für sie nun wirklich richtigen und gesundheitsförderlichen Anmerkung.

2. Ein junger Fußballspieler forderte bei einem Muskelfaserriss am Oberschenkel folgende Verordnungsmenge und verweigerte zugleich die Behandlung bei uns und vor Ort: 10 x KG, 10x Massage mit Fango, 10x Reizstrom, 10 x Ultraschalltherapie. Ich lehnte dies ab, u.a. mit den Worten, dass dies sogar die Menge an Anwendungen einer 3 wöchigen Rehamaßnahme übersteigen würde. Er wechselte den Arzt, von dem er es auch nicht verordnet erhielt. Später habe ich erfahren, dass dieser Patient in ein „physiotherapeutisches Zentrum“ mit folgender Konstellation gehen wollte: Ein Physiotherapeut besitzt in diesem Zentrum eine Praxis mit Kassenzulassung. Dort werden Kassenpatienten behandelt. Im selben Gebäude hat dessen Bruder eine private Praxis, u.a. kommen dort viele Spitzensportler hin. Wenn nun ein Kassenpatient in diese privat abrechnende Praxis will, benötigt er eine solche Menge an Verordnungen, die der kassenärztlich tätige Bruder gegenüber den Kassen abrechnet (die Leistung aber nicht erbringt) und diesen Betrag dann an seinen Bruder weiterleitet. Zum Glück verweigerte ich diesem Patienten, der wütend meine Praxis verließ, diese Verordnung. Wie hätte ich mich gegen anonyme Verunglimpfungen in Ihrem Portal zur Wehr setzen können?

3. Eine Frau begibt sich privatärztliche Behandlung. Dieser Kollege, ein Herr Professor, verlangt spezielle Blutuntersuchungen, natürlich zu Lasten der gesetzlichen Kasse. Ich verweigere dies, denn solche fachärztlichen (privaten) Untersuchungen sind dann eben auch privat zu bezahlen oder von einem kassenärztlich tätigen Kollegen nach seinem Dafürhalten vorzunehmen. Der Arztwechsel erfolgte prompt. Würde mich diese Frau in Ihrem Portal verunglimpfen, weil ich notwendige Untersuchungen verweigern würde, würde ich nachträglich für rechtskonformes Verhalten abgestraft und könnte mich nicht dagegen wehren!

Sehr geehrter Herr Graalmann, ich könnte Ihnen noch einige solcher Beispiele aufzählen. Was mich aber besonders aufhorchen ließ war Ihre Bemerkung, dass die Bertelsmann-Stiftung (wieder einmal) mit dahinter steckt. Die Bertelsmann-Stiftung ist ja nun in den vergangenen Jahren immer wieder in Erscheinung getreten, wenn es um Maßnahmen und Gesetze gegen uns niedergelasssene Ärzte geht. Frau Leuthäuser-Schnarrenberger beklagte zu Recht, dass Gesetze in Deutschland in zunehmenden Maße von externer Seite erstellt werden. Uns sind auch genügend Verflechtungen dieser Stiftung bekannt. Auch die Beziehungen zu privaten Krankenhausträgern (Rhön-AG) ist offenkundig. Daher meine Frage: schaffen Sie auch ein Internet-Portal, in dem man gezielt gegen Medizinische Versorgungszentren dieser Träger opponieren kann, oder sind diese MVZ’s von vornherein „fein raus?“ Hierauf hätte ich also sehr gern eine konkrete Antwort Ihrerseits.

Sehr geehrter Herr Graalmann, wir ´bayerischen Hausärzte sind gegenwärtig wohl die „besten Freunde der AOK unter der Ärzteschaft“. Diese zur Zeit wirklich gute Zusammenarbeit würde nachhaltig getrübt, sollten Sie Ihre Pläne realisieren, besonders auch unter dem Gesichtspunkt, dass erhebliche datenschutzrechtliche Befürchtungen offen zu Tage getreten sind.
Sie zerstören mit Ihrer Maßnahme, mit der sich die AOK in besonderer Weise profilieren zu müssen glaubt, den Kern allen ärztlichen Handelns. Sie haben es doch gar nicht nötig, sich auf Kosten der Patienten-Arzt-Beziehung hervor zu tun. Sie schaden sich, der AOK, den AOK-Versicherten und letzten Endes allen Versicherten und uns Ärzten. Sie begeben sich auf einen Irrweg, der m.E. von Interessen außerhalb der AOK angesiedelt sind. Hier scheinen Kräfte am Werk zu sein, die ganz andere Ziele verfolgen und Sie lassen sich vor deren Karren spannen.

Im Interesse Ihrer Versicherten und dem Fortbestehen einer guten Zusammenarbeit zwischen Ärzteschafft und Krankenkassen sollten Sie diese unguten Pläne fallen lassen und sich dem verstärkt zuwenden, was allen Menschen im Lande zum Wohl gereicht.
In diesem Sinne
freundliche Grüße

Dr. med. Dietrich Heinemeyer
Facharzt für Allgemeinmedizin
Chirotherapie – Notfallmedizin
Mitglied im Bayerischen Hausärzteverband
Mitglied des RACoGP

Eine Antwort zu Offener Brief an die AOK

  1. Roman Schwanitz sagt:

    Der Großteil der gut und richtig behandelten Patienten mit einem gesunden Vertrauensverhältnis zu ihrem Arzt wird nicht auf die Idee einer Bewertung im Internet kommen. Ein seriöser Arzt wird seine Patienten auch nicht um eine Bewertung bitten. Daher kann ein solches Bewertungsportal keine repräsentative Aussage über die Qualität eines Arztes geben. Im Gegenteil steht zu erwarten, dass gerade gekränkte oder in ihrem unrealistischen bzw. unangemessenen Anliegen zurückgewiesene Pat. ein solches anonymes Portal für eine übertrieben negative Beurteilung nutzen werden (mit ähnlichen Schwierigkeiten haben Lehrer zu kämpfen). Das Arzt-Patienten Verhältnis kann m.E. dadurch sehr wohl nachhaltig Schaden nehmen und es ist zu befürchten, dass der Beruf des Allgemeinmediziners bzw. Hausarztes, der ohnehin nicht sehr hoch im Kurs steht, für junge Mediziner weiter an Attraktivität abnehmen wird. Der Spagat zwischen Heilkunst, Wirtschaftlichkeit und Ansprüchen des modernen, konsumorientierten Menschen ist kaum noch zu bewerkstelligen. Die Verantwortlichkeiten, die sich aus dieser Entwicklung ergeben, haben daher auch alle Seiten zu übernehmen.
    RS

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